Unbenanntes Dokument

Bettina Khano

Ulrich Loock

Vorwort

Eine Faszination durchzieht Worte und Bilder in diesem Buch. Sie gilt räumlichen und zeitlichen Umständen, die der eindeutigen Benennung zuwiderlaufen. Was ist eigentlich so anziehend an der Vagheit, an der Unbestimmtheit und Unfasslich- keit? Mindestens das eine: dass derartige Un-heiten eine Differenz zu jeder positiven Setzung ins Spiel bringen. Die Verpflichtung auf Identitäten ist beengend und verdächtig. Da der Gegensatz zwischen dem Inneren und dem Äußeren die Urszene aller Benennungen ist, lässt sich die Befreiung vom Zwang des Tat- sächlichen und die Eröffnung einer namenlosen Dimension der Erfahrung vom fließenden Übergang zwischen innen und außen, hier und dort, dem Großen und dem Kleinen erwarten. Während es gut nachvollziehbar ist, dass beim Möbius- band die Innenseite und die Außenseite nahtlos ineinanderlaufen, ist es schlechter- dings unmöglich, genau die Stelle zu bezeichnen, die nicht mehr innen, sondern schon außen liegt oder nicht mehr außen, sondern schon innen. Der Übergang ist der zeitlich und räumlich unbestimmte Ort einer Weite, welche die Gegensätze unterläuft. Während er Befreiung verspricht, ist er aber auch unheimlich. So führt die Faszina- tion zu einem vertrauten Umgang mit Unbehagen und Furcht in Momenten aufgekündigter Gewissheit.

Bettina Khanos Arbeit besteht aus Dispositiven, welche das Bild des Gegenübers auflösen oder ausblenden. Blinde Spiegel, chaotisch in alle Richtungen re- flektierende Facetten, eine das Spiegelbild vorenthaltende Überwachungsanlage, Körper und Dinge einhüllender Nebel beschwören den eigenen Körper und den Körper der anderen herauf, nur um deren Bild von ihnen zu lösen und zum Verschwinden zu bringen. Der Körper ohne Bild ist ein Geist, und den Arbeiten eignet etwas von spukhaftem Zauber – so unterscheiden sie sich vom Purismus und der Suche nach Transzendenz der Zero-Künstler, die ihrerseits formal und materiell vergleichbare Arbeiten produziert hatten. Geister gehen durch Wände. Seines Bildes enthoben, tritt der Körper in Verhältnisse einer rauen und bestürzenden Solidarität zu Dingen und Stoffen ein, die ihn umfangen. Auf der anderen Seite kommt das visuelle Geräusch der bildschluckenden Dispositive in verschiedenen mikro- und makrokosmischen Figuren zur Anschauung: in einer Nebelwolke, die sich in regelmäßigen Abständen von einem Baum löst, im Niederschlag von Steinstaub, der in einer abgesteckten Zone alle Gegenstände gleichmäßig bedeckt, die sich dort befinden, im Bild eines galaktischen Sturms, erzeugt durch fotografisch registrierte Reflexe auf zerknitterter Spiegelfolie.

Das Buch zieht die Momente eines Werkes zusammen, das durch Unterschiede, Verschiedenheit und Uneinheitlichkeit gekennzeichnet ist, vor allem aber durch die Flüchtigkeit und Ungreifbarkeit von Situationen, die sich in dem Maße der Ab- bildung widersetzen, in dem sie selbst die Bilder löschen. Um dieses Problem und seine Lösung anzudeuten, wurde das Buch selbst als theatralischer Auftritt von Illustrationen konzipiert, zwischen denen die Texte einer Schriftstellerin, einer Kunst- und Literaturwissenschaftlerin und eines Kritikers, zugleich aufschlussreich und mystifizierend, sich hindurchschlängeln.

 


 

Foreword

Fascination threads through the words and images of this book. It concerns conditions of space and time that oppose clear identification. What is actually so alluring about vagueness, about indeterminateness and incomprehensibility? One thing, at least: such indications of a lack constitute a difference to any type of positive statement. Commitment to identity is confining and suspicious. Since the confrontation between the interior and exterior is the primal scene of all naming, the liberation from the compulsion for facts and the opening of a nameless dimension of experience may be expected from the confluence of the inner and outer, the here and there, the great and small. Whereas it is easy to comprehend the seamless merger of the inside and outside of a Möbius strip, it is strictly impossible to point out the spot that is no longer inside, but outside, or no longer outside, but inside. Indeterminate in terms of space and time, the transition is the expansive place that subverts the contradictions. Promising liberation, it is also uncanny. Thus, the fascination leads to a familiar intercourse with discomfort and fear in moments of suspended certainty.

Bettina Khano’s work consists of a variety of apparatuses that dissolve or blank out the image of the other. Blind mirrors, facets chaotically reflecting in all directions; a surveillance system withholding mirror images; fog enveloping bodies and things evoke one’s own body and the bodies of others, only to separate and withdraw their image from them. Without an image, the body is a ghost, and the works take on something of a spooky magic; this distinguishes them from the purism and search for transcendence promulgated by Zero artists, who have produced formally and materially comparable works. Ghosts move through walls. Relieved of its image, the body enters into relationships of raw and disturbing solidarity to the things and substances surrounding it. On the other side, the visual noise of the image-devouring apparatus becomes visible in various micro- and macro-cosmic figures: in a cloud of fog emitted at regular intervals from a tree; in a layer of stone dust concealing all objects within a predefined zone; in the image of a galactic storm created by reflections photographically registered on wrinkled mirror foil.

The book consolidates moments of an oeuvre that is characterized by differences, diversity, and inconsistency, but above all by the fleeting, incomprehensible qualities of situations that defy reproduction to the degree to which they themselves delete the images. In order to insinuate the problem and its solution, the book has been conceived as a theatrical presentation of illustrations, among which snake the insightful, yet simultaneously mystifying, texts by a novelist, an art and literary theorist, and a critic.