{"id":564,"date":"2014-09-22T14:39:46","date_gmt":"2014-09-22T12:39:46","guid":{"rendered":"http:\/\/bettinakhano.de\/start\/?page_id=564"},"modified":"2014-09-23T18:07:15","modified_gmt":"2014-09-23T16:07:15","slug":"text3","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/bettinakhano.de\/start\/info-2\/texts\/text3\/","title":{"rendered":"Annika Reich"},"content":{"rendered":"<h3><\/h3>\n<h4><em>Verdichtete Transparenz<\/em><\/h4>\n<p>Bettina Khanos R\u00e4ume sind dazwischen. Es sind (un)m\u00f6gliche R\u00e4ume, die man<br \/>\nder Wirklichkeit w\u00fcnscht, damit diese endlich aufh\u00f6ren kann, sich ein Bild von sich<br \/>\nselbst machen zu m\u00fcssen. Khanos Bilder, Installationen und Videos knittern, falten<br \/>\nund wischen unsere Blicke weg, sie tr\u00fcben die Spiegel und verfl\u00fcchtigen sich in<br \/>\ndie Atmosph\u00e4re hinein, bis sie fast in ihr aufgehen und nur noch als Spuren wahr-<br \/>\nnehmbar sind. Es bedarf der Raumf\u00fchlung, um ihnen nachzusp\u00fcren; es bedarf<br \/>\neines K\u00f6rperdenkens, das der Einbildungskraft folgt. Doch dieses K\u00f6rperdenken<br \/>\nbeugt sich nicht \u00fcber die Welt, um sie \u00fcberblickend zu behaupten \u2013 wie es Ver-<br \/>\nnunft, Sinn und Verstand so meisterlich beherrschen \u2013, sondern riskiert seinen<br \/>\nKopf, um sich f\u00fcr das Andere offen zu halten.<\/p>\n<p>Ihre K\u00f6rper halten sich offen, indem sie ihre eigenen Grenzen mit in den Raum<br \/>\nnehmen, ganz ohne Anstrengung, schwebend eher \u2013 ereignishaft, ohne auf einen<br \/>\nBoden zu gelangen, von dem aus ein bestimmter Sinn begr\u00fcndet werden k\u00f6nnte.<br \/>\n<strong><em>Somatolyse<\/em><\/strong> (2005). R\u00e4ume und K\u00f6rper entfalten sich in einem Dazwischen, das<br \/>\nsich nicht von einem bestimmten Pol zu einem anderen aufspannen l\u00e4sst. Es kennt<br \/>\nkeinen Anfang und kein Ende. <strong><em>Galaxie<\/em><\/strong> (2006).<\/p>\n<p>Grenzen lassen sich nicht \u00fcbergehen. Wenn man sie \u00fcberschreiten will, muss man<br \/>\nsie umst\u00fclpen. Und so zeigen Khanos Raumk\u00f6rper und K\u00f6rperr\u00e4ume keine tr\u00fcge-<br \/>\nrische Grenzenlosigkeit, sondern unterschiedliche Stadien des Grenzumst\u00fclpens<br \/>\n\u2013vom Raum in den K\u00f6rper, vom K\u00f6rper in den Raum und in den Zwischenr\u00e4umen\u2013,<br \/>\ndie sich innerhalb der umgest\u00fclpten Grenzen er\u00f6ffnen. Im Verschwinden. In der<br \/>\nFalte. Im Horizont.<\/p>\n<p>Es gibt K\u00f6rperr\u00e4ume im Inneren des Horizonts, auch wenn sie kein Volumen besit-<br \/>\nzen, sondern eher in Erfahrungen der N\u00e4he und Ferne zu begreifen sind. Erstrec-<br \/>\nkungen, die nach dem Muster des M\u00f6biusbandes eine unl\u00f6sbare Schleife in den<br \/>\nVerstand binden: unorientierbar wie sie sind, ohne M\u00f6glichkeit zwischen innen und<br \/>\nau\u00dfen, oben und unten zu unterscheiden. Kein Sinn also, aber daf\u00fcr distanzierte<br \/>\nParteinahme f\u00fcr die Nahsinne im Kosmos und im Beharren auf dem Wissen, <em>\u00bbdass<\/em><br \/>\n<em> der K\u00f6rper bis in die Sterne reicht\u00ab,<\/em> dass er <em>\u00bbSpiegel und Modell des Kosmos\u00ab<\/em> ist.<\/p>\n<p><strong><em>Basaltstaub<\/em><\/strong> (2011) mitten in die umgest\u00fclpte <em>\u00bbHimmel-Erde\u00ab<\/em> gestreut, als g\u00e4be<br \/>\nes keine Trennlinie zwischen Himmel und Erde. Das Entziehen wei\u00df gef\u00e4rbt. Mehr<br \/>\nUmschlagort als der Horizont l\u00e4sst sich nicht denken.<\/p>\n<p><strong>The Sky Is the Limit<\/strong> (2010) vernebelt solange die Bodenhaftung, bis wir zu Schlaf-<br \/>\nwandlern werden und ahnen: eben nicht. Wir setzen nur Grenzen, wenn wir nicht<br \/>\nmehr weiter wissen. Bettina Khanos Arbeiten wissen weiter weg.<\/p>\n<p>Wie? Aus dem Pavillon nebelt es heraus. Innen findet man sich wieder, so wie man<br \/>\nsich nicht kennt. Der eigene Arm, tastend in den Raum geschickt, k\u00f6nnte ewig lang<br \/>\nsein. So ganz sicher ist man sich da nicht. Vielleicht ist er\u2019s nicht. <strong>Implosion<\/strong> (2003)<br \/>\nEs kommt auf die Verdichtung an, um das Unsichtbare sichtbar zu machen. Liter-<br \/>\nweise Nebelfluid, kiloweise Leichtigkeit.<\/p>\n<p>Der K\u00f6rper muss von der Bildfl\u00e4che verschwinden, sich in die Zwischenr\u00e4ume<br \/>\nerstrecken, um seine lebendige Kraft zu bewahren. Die Haut ist ein durchl\u00e4ssiges<br \/>\nOrgan, es liegt also alles daran, sich nicht f\u00fcr eine Seite zu entscheiden, leiden-<br \/>\nschaftlich unentschieden zu bleiben und dabei zu verschwinden. Immer wieder.<\/p>\n<p><em><strong>Lichtung<\/strong><\/em> (2011). Mattspray auf Aluminium. Warum kriegt es mich, wenn es mich<br \/>\nnicht zeigen will? Der Blinde Fleck (2001) ist der Punkt, von dem aus ich sehe, den<br \/>\nich aber gerade deshalb nicht sehen kann. Er ist im Inneren au\u00dfen. Das M\u00f6bius-<br \/>\nband. So sehe ich nicht aus. Ich bin ein Weltraum, den ich nicht erkennen kann.<br \/>\nDu auch.<\/p>\n<p>Wenn die Spiegel nicht mehr mitspielen, weil sie sich mit dem Nebel verb\u00fcnden,<br \/>\ndann wird\u2019s klar: hier zeigt sich nichts. Und dann? Fuzzy-Logik. \u00c4sthetik des<br \/>\nUnscharfen, Verschwommenen, Uneindeutigen, die das Entweder-oder in ein<br \/>\nOxymoron verwandelt, in dem es sich (er)sch\u00f6pfen kann.<\/p>\n<p>Eine Wolke (2010) dampft aus einem gro\u00dfen, alten Baum, steht zwischen hier und<br \/>\ndort und verzieht sich wieder. Manchmal hat sie es eiliger. Aber so oder so:<br \/>\n<em>\u00bbpppffffffff\u2026\u00ab<\/em> Sie schwebt auf der Grenze zwischen Gestalt und Gestaltlosigkeit.<br \/>\nSie l\u00e4sst sich nicht auf ihr eigenes Bild ein. Kommt man ihr damit, ist sie bereits<br \/>\neine andere. Von Anfang an Verschwinden. Ein seltsames <em>\u00bbHalbdings\u00ab.<\/em><\/p>\n<p>Die Bilder fliehen von der Bildfl\u00e4che, um sich in den Raum zu \u00f6ffnen. Und der ein-<br \/>\nzige Kompass, der dem Magnetismus der verschwindenden Pole gewachsen ist, ist<br \/>\ndie Antischwerkraft des K\u00f6rpers, die Himmel und Erde verbindet.<\/p>\n<h6>1 Dietmar Kamper, <i>Horizontwechsel. Die Sonne neu jeden Tag, nichts Neues unter der Sonne, aber,&#8230;,<\/i><br \/>\nM\u00fcnchen 2001, S. 61.<\/h6>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4 class=\"p1\"><em><span class=\"s1\">Condensed Transparence<\/span><\/em><\/h4>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Bettina Khano\u2019s spaces are in between. They are (im)possible spaces that one wishes existed in the real world, so that reality would finally be able to stop having to create images of itself. Khano\u2019s paintings, installations, and videos crinkle, fold, and wipe away our sight; they cloud the mirror, evaporating into the atmosphere until, in the process of vanishing, they are almost only perceptible as traces. To sense them, one needs a sense of space; one needs to think with the body as it follows the imagination. Yet, this way of thinking with the body does not diffract itself across the world in order to assertively survey everything\u2014something that reason, sense, and mind do so masterfully. Instead, it risks its head in order to stay open to the Other.<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Bettina Khano\u2019s bodies stay open by taking their own limitations into the space without any effort at all\u2014hovering, eventfully, without touching the floor, which might give it a determinative meaning. <i>Somatolyse <\/i>(2005). Spaces and bodies unfold in an in-between state that cannot be stretched from one particular pole to another. It knows no beginning and no end. <i>Galaxie <\/i>(2006).<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">Boundaries cannot be transgressed. If one wants to cross them, one must turn them inside out. And thus, Khano\u2019s three-dimensional bodies and spaces do not feature any sort of deceptive limitlessness, but rather, different states in the process of turning boundaries inside out\u2014from the space to the body, from the body to the space and the interim spaces, which open up inside the inverted boundaries. Vanishing. In the folds. In the horizon.<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">There are physical spaces within the horizon, even if they have no volume, but they are more comprehensible through the experiences of proximity and distance. Expanses that tie an intractable loop, patterned after the M\u00f6bius strip, into the mind: as directionless as they are, lacking the possibility of distinguishing between interior and exterior, up and down. No meaning, therefore, but instead a kind of distant partisanship on behalf of the senses in the universe, insisting on the knowledge \u201cthat the body extends to the stars,\u201d that it is the \u201cmirror and model of the cosmos.\u201d<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\"><i>Basalt Dust<\/i> (2011) scattered about in the midst of the inverted \u201cheaven-earth,\u201d as if there were no line dividing sky and earth. The withdrawal colored white. It\u2019s impossible to imagine a point of more exchange than the horizon.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\"><i>The Sky Is the Limit <\/i>(2010) obscures our grip on reality until we become sleepwalkers and suspect: precisely not. We only set limitations when we no longer know any more. Khano\u2019s works know a further (a)way.<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">How? Fog comes out of the pavilion. Inside, one finds oneself again, but without recognizing oneself. One\u2019s arm, sent out carefully to feel around the space, might stretch out forever. One is not entirely sure there. Perhaps it is\u2014not. <i>Implosion <\/i>(2003).<i> <\/i>Making the invisible visible depends on the condensation. Liters of fog fluid, kilos of weightlessness.<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">The body has to vanish from visual two-dimensionality, stretch out into the in-between spaces, in order to maintain its vitality. The skin is a permeable organ, so it means everything not to choose a side, to remain passionately undecided and disappear in the process. Again and again.<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s3\"><i>Clearing<\/i> (2011).<i> <\/i>Matte spray paint on aluminum. Why does it get me, when it doesn\u2019t want to show me? <\/span><span class=\"s1\">The <i>Blinde Fleck<\/i> (Blind Spot, 2001) is the point from which I see, but which I cannot see precisely because of that. In the interior, it is outside. The M\u00f6bius strip. I don\u2019t look like that. I am a universe that I cannot recognize. You, too.<\/span><\/p>\n<p class=\"p3\"><span class=\"s1\">When the mirror no longer plays along, because it is bound to the fog, then it becomes clear: here, nothing is shown. And then? Fuzzy logic. Aesthetics of the diffuse, blurred, ambiguous, transforming the either-or into an oxymoron, in which it can (re)create itself.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">A <i>Cloud<\/i> (2010) puffs up out of a big, old tree; exists between here and there, and then disperses again. Sometimes, it\u2019s in more of a hurry. But one way or another: \u201cpppfffffff . . .\u201d It hovers on the border between form and formlessness. It does not get mixed up with its own image. If you come to it with it, it\u2019s already something else. Disappearing from the start. An odd \u201csemi-thing.\u201d<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Bettina Khano\u2019s pictures escape the second dimension in order to open up into space. And the only compass that can cope with the magnetism of the vanishing poles is the antigravity of the body, which connects the sky and the earth.<\/span><\/p>\n<h6 class=\"p1\"><span class=\"s1\">1 Dietmar Kamper, <i>Horizontwechsel. Die Sonne neu jeden Tag, nichts Neues unter der Sonne, aber,&#8230;,<\/i><br \/>\nMunich 2001, p. 61.<\/span><\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verdichtete Transparenz Bettina Khanos R\u00e4ume sind dazwischen. Es sind (un)m\u00f6gliche R\u00e4ume, die man der Wirklichkeit w\u00fcnscht, damit diese endlich aufh\u00f6ren kann, sich ein Bild von sich selbst machen zu m\u00fcssen. 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