{"id":1869,"date":"2018-09-26T22:28:22","date_gmt":"2018-09-26T20:28:22","guid":{"rendered":"http:\/\/bettinakhano.de\/start\/?page_id=1869"},"modified":"2018-09-26T22:28:22","modified_gmt":"2018-09-26T20:28:22","slug":"joern-schafaff-2018","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/bettinakhano.de\/start\/joern-schafaff-2018\/","title":{"rendered":"J\u00f6rn Schafaff 2018"},"content":{"rendered":"<h4><em><strong>Bettina Khano <\/strong>\u2022 <strong>\u00dcberg\u00e4nge<\/strong><\/em><\/h4>\n<p>J\u00f6rn Schafaff<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich ver\u00f6ffentlicht in Doppelpass II Bettina Khano und Andrea Wolfensberger \u201aTread softly because you tread on my dreams\u2019 (William Butler Yeats), Ausst.-Kat., M\u00fcnchen: Deutsche Gesellschaft f\u00fcr christliche Kunst, 2018, S. 14 &#8211; 21<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Vorhang markiert die Grenze zwischen dem Innen- und dem Au\u00dfenraum. Aber der Vorhang schlie\u00dft das Au\u00dfen nicht aus, im Gegenteil. Durch das lichtdurchl\u00e4ssige, rotbraun gef\u00e4rbte Material hindurch ist das Raster der Glasfassade zu erkennen, das den Ausstellungsraum mit der Au\u00dfenwelt verbindet, dahinter der Innenhof und das gegen\u00fcberliegende Geb\u00e4ude. Aufgrund der F\u00e4rbung wirkt ihr Anblick \u00e4sthetisch verfremdet. Gerade dadurch aber wird die Welt hinter dem Vorhang zu einem Teil der Situation, in der wir uns befinden \u2013 des mit k\u00fcnstlerischen Mitteln hergestellten Erfahrungsraums, der uns umgibt und uns einl\u00e4dt, uns darin zu verorten. Der Ausstellungsraum selbst geh\u00f6rt auch dazu, einbezogen durch das von au\u00dfen eindringende, rotbraun gefilterte Tageslicht, das dem Saal eine warme, ruhige Atmosph\u00e4re verleiht. Bis auf ein paar einfach konstruierte, aus Sperrholz gefertigte Hocker erscheint der hohe Raum der Galerie leer. Scheinbar achtlos im Raum verteilt, bieten diese doch eine gewisse Orientierung, wie Aussichtspunkte, auf denen wir uns niederlassen k\u00f6nnen, um vor dort aus unsere Umgebung in Augenschein zu nehmen. So auch der Vorhang: Die jeweils 20 cm breiten, senkrecht von der Decke h\u00e4ngenden Lamellen des Vorhangs sind dicht nebeneinander platziert, aber sie \u00fcberlappen sich nicht. Das verwendete PVC ist zwar formecht, aber elastisch und so entstehen trotz der exakten Anbringung immer wieder kleine Schlitze, die das Licht von au\u00dfen ungefiltert hereinlassen. Dies wiederum l\u00e4dt nicht nur dazu ein, an den Vorhang heranzutreten und durch die Schlitze hindurchzuschauen, sondern weckt vielleicht sogar den Impuls, die Lamellen beiseite zu schieben und durch den Vorhang hindurch zu gehen. Aber ist es auch erlaubt? Schlie\u00dflich befinden wir uns in einer Ausstellung. Wir geben dem Impuls nach, greifen zwischen die Lamellen und treten ins helle Tageslicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jetzt sind wir hinter dem Vorhang, in einem etwa ein Meter tiefen Bereich vor der Glasfassade. Ein fast intimer, heimlicher Ort. Aber auch eine \u00dcbergangszone \u2013 die Grenze zwischen innen und au\u00dfen nicht als Linie, sondern als Raum. Ohne die F\u00e4rbung erscheint die Welt hinter dem Vorhang fast ein wenig fade und gleichzeitig zu grell, die Augen m\u00fcssen sich erst daran gew\u00f6hnen. Es gibt eine T\u00fcr, sie l\u00e4sst sich \u00f6ffnen und nun endlich gehen wir wirklich nach drau\u00dfen, sp\u00fcren die Luftver\u00e4nderung, h\u00f6ren die Ger\u00e4usche. Wir sehen uns um. Der Innenhof ist gr\u00f6\u00dfer, als es der Blick von innen erahnen lie\u00df. Dann wenden wir den Blick zur\u00fcck nach dort, woher wir gekommen sind.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>\u201eLight and Space\u201c \u2013 unter diesem Sammelbegriff fasst die Kunstgeschichte eine lose miteinander verbundene Gruppe kalifornischer K\u00fcnstler zusammen, die sich in den 1960er Jahren mit Lichtph\u00e4nomenen und deren optischen und psychologischen Effekten besch\u00e4ftigten. Dazu arbeiteten sie mit neuesten technischen Werkstoffen, die der in S\u00fcdkalifornien angesiedelten Luft- und Raumfahrtindustrie entstammten und in denen sich das Licht in verschieden Farben brach. Es entstanden minimalistische Wandobjekte und Skulpturen, aber auch Environments, die in ihrer Beschaffenheit und Farbwirkung die Wahrnehmung der Betrachter herausforderten. W\u00e4hrend die Minimal-Art-K\u00fcnstler an der Ostk\u00fcste mit ihren neuen, auf geometrische Grundformen reduzierten Skulpturen \u201eprim\u00e4re Strukturen\u201c konstruierten, ging es den K\u00fcnstlern in Kalifornien eher darum \u201eprim\u00e4re Atmosph\u00e4ren\u201c hervorzurufen.[i] Insbesondere von den in k\u00fcnstliches Licht getauchten Umgebungen ging oftmals eine desorientierende Wirkung aus, nicht zuletzt aufgrund von Eingriffen in die bestehende Architektur, etwa der Kaschierung von Ecken und Raumkanten. Ohne diese Bezugspunkte und -linien konnte der Eindruck eine sich endlos ausdehnenden Farbraums entstehen, mit den Betrachtern mittendrin \u2013 eine Praxis, die nicht unumstritten war. Michael Asher etwa distanzierte sich 1974 ausdr\u00fccklich von der Idee, die Besucher mit k\u00fcnstlerischen Mitteln in andere Welten oder Zust\u00e4nde zu versetzen. \u201eIch besch\u00e4ftige mich nicht mit Environments.\u201c betonte er in einem Interview, \u201eIch arbeite situationsbezogen. Ich bin nicht daran interessiert, die Wahrnehmung zu manipulieren.\u201c[ii] Zwar hatte auch er schon mit Farbe und architektonischen Strukturen gearbeitet, aber es ging ihm darum, die spezifischen Merkmale der Orte herauszuarbeiten, an denen er ausstellte. Gezielte Eingriffe in die Architektur von Galerien, Museen und anderen Ausstellungsh\u00e4user dienten dazu, die konkreten Umst\u00e4nde ins Bewusstsein zu r\u00fccken, unter denen die Pr\u00e4sentation und Rezeption von Kunst stattfinden \u2013 und zwar sowohl in r\u00e4umlich-zeitlicher als auch in gesellschaftlicher Hinsicht. F\u00fcr Asher war Architektur ein Spiegel der Gesellschaft, mit seinem aufkl\u00e4rerischen Ansatz wurde er zu einem f\u00fchrenden Vertreter der so genannten Institutional Critique.[iii]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit <strong><em>A01 &#8211; 802 (Vorhang)<\/em><\/strong> (2018) kn\u00fcpft Bettina Khano, an diese historischen Auseinandersetzungen an, und zwar indem sie Elemente beider Ans\u00e4tze miteinander kombiniert. Zwar geht es ihr vordergr\u00fcndig nicht um Gesellschaftskritik, aber auch ihr Eingriff lenkt die Aufmerksamkeit auf die vor Ort gegebenen Elemente der Situation: auf den Ausstellungsraum und die durch die Glasfassade gegebene Verbindung zum Innenhof, die dem Ideal des kontemplativen, von der Au\u00dfenwelt abgeschirmten White Cube zuwiderl\u00e4uft. Gleichzeitig aber verwandelt die Farbgebung den Ausstellungsraum in ein Environment, das darauf angelegt ist, eine psychologische Wirkung zu entfalten und so die Selbstwahrnehmung zu st\u00e4rken. Wie die \u201eLight and Space\u201c-K\u00fcnstler verwendet Khano einen industriellen Werkstoff, aber sie gibt ihm eine Form, die weniger an sph\u00e4rische als an profane Orte erinnert, an Schleusen und Durchg\u00e4nge in Industriehallen etwa.[iv]Im Umkehrschluss kann dies dazu f\u00fchren, dass wir uns einmal mehr den Zusammenhang bewusst machen, in dem wir uns gerade befinden. Vielleicht ist es kein Zufall, dass sich im Geb\u00e4ude auf der gegen\u00fcberliegenden Seite des Innenhofs die B\u00fcros eines gro\u00dfen Technologiekonzern befinden.[v] Das wechselseitige Verh\u00e4ltnis zwischen der Faktizit\u00e4t des Gegebenen und seiner individuellen Wahrnehmung erschlie\u00dft sich in der oszillierenden Bewegung zwischen \u00e4sthetischem Erleben und gedanklicher Reflexion. Der Vorhang symbolisiert den Ort, an dem das Kunstwerk seine Produktivit\u00e4t entfaltet: die Schwelle zwischen \u00e4sthetischem Erleben und Weltbezug.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die auf der Empore des Ausstellungsraums pr\u00e4sentierten Fotografien greifen das Thema des \u00dcbergangs auf, genauso wie das der Architektur, des Lichts und der Situation. Die beiden Aufnahmen von <strong><em>Sea View Lane (Schwelle)<\/em><\/strong> (2018) entstanden in einem von dem US-amerikanischen K\u00fcnstler Jorge Pardo entworfenen Geb\u00e4ude in Los Angeles, dessen Inneres von einer Abfolge ineinander \u00fcbergehender R\u00e4ume bestimmt ist. Geplant als Wohnsitz des K\u00fcnstlers, thematisiert sein Entwurf die kategorialen Grenzen zwischen Architektur, Design, Skulptur und Malerei. Auf den Bildern ist die Schwelle zwischen einem Badezimmer und einer kleinen Terrasse zu erkennen. Schatten von Gegenst\u00e4nden, die sich drau\u00dfen befinden, ragen in den Innenraum hinein, ein Moment, den Khano mit ihrer Kamera festgehalten hat. Durch den gew\u00e4hlten Ausschnitt und die Perspektive der Kamera scheint das Motiv an der Grenze zwischen Gegenst\u00e4ndlichkeit und Abstraktion zu verharren. Gleiches gilt f\u00fcr <strong><em>Palm Desert (Hand)<\/em><\/strong>, (2018), wo die abgebildete Hand Assoziationen an die w\u00fcstenartige Landschaft des in der N\u00e4he des Joshua Tree Nationalparks zu wecken vermag, gleichzeitig aber auch als abstrakte organische, vom Sonnenlicht konturierte Form zu interpretieren ist.<\/p>\n<p>In der Ausstellung erscheinen die Fotografien wie Wahrnehmungsstudien, die darauf warten, in Betracht gezogen zu werden, wenn wir uns umdrehen und erneut den rotbraunen, im Halbdunkel liegenden Farbraum in den Blick nehmen, den Vorhang und die Welt dahinter, aus einer anderen Perspektive.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[i]\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u201ePrimary Structures: Younger American and British Sculptors\u201c war der Titel einer Ausstellung im New Yorker Jewish Museum, mit der die neue Skulptur 1966 erstmals einer gr\u00f6\u00dferen \u00d6ffentlichkeit vorgestellt wurde. Die Bezeichnung \u201eprimary atmospheres\u201c pr\u00e4gte der Kunstkritiker Dave Hickey.<\/p>\n<p>[ii]\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Asher zit. nach Sandy Ballatore, \u201eMichael Asher: Less Is Enough\u201c, in: Artweek 5, no. 34 (October 12, 1974), 16. (\u00dcbersetzung JS).<\/p>\n<p>[iii]\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Vgl. Kirsi Peltom\u00e4ki, <em>Situation Aesthetics. The Work of Michael Asher<\/em>, Cambridge (Mass.) und London: The MIT Press, 2010.<\/p>\n<p>[iv]\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u201eA01 \u2013 802\u201c ist die technische Bezeichnung f\u00fcr den rotbraunen Farbton.<\/p>\n<p>[v]\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Auch die Hocker verweisen auf einen sozialen Kontext. Es handelt sich um Exemplare des \u201eBerliner Hockers\u201c von Van Bo Le-Mentzel, die Khano nach einer im Internet frei zug\u00e4nglichen Bauanleitung angefertigt hat. http:\/\/hartzivmoebel.blogspot.de\/p\/berliner-hocker.html.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bettina Khano \u2022 \u00dcberg\u00e4nge J\u00f6rn Schafaff Urspr\u00fcnglich ver\u00f6ffentlicht in Doppelpass II Bettina Khano und Andrea Wolfensberger \u201aTread softly because you tread on my dreams\u2019 (William Butler Yeats), Ausst.-Kat., M\u00fcnchen: Deutsche Gesellschaft f\u00fcr christliche Kunst, 2018, S. 14 &#8211; 21 &nbsp; Der Vorhang markiert die Grenze zwischen dem Innen- und dem Au\u00dfenraum. Aber der Vorhang schlie\u00dft [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1869","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/bettinakhano.de\/start\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1869","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/bettinakhano.de\/start\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/bettinakhano.de\/start\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/bettinakhano.de\/start\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/bettinakhano.de\/start\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1869"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/bettinakhano.de\/start\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1869\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1870,"href":"http:\/\/bettinakhano.de\/start\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1869\/revisions\/1870"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/bettinakhano.de\/start\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1869"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}